Rebellion der Massen 2011?

Rebellion nennt man den offenen, teils gewaltsamen Aufstand mehrerer Personen gegen die Staatsgewalt. Seit wir Menschen die Geschichte aufzeichnen und überliefern wurden Rebellionen für die Nachwelt festgehalten. Um nur wenige zu nennen: Der Spartakusaufstand in der Antike, die Baueraufstände im Mittelalter, die französische Revolution im 18. Jahrhundert, Aufstand auf Kuba im 19. Jahrhundert, der Prager Aufstand 1945 oder etwa die Orange Revolution im Zuge der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine 2004.

Immer wieder in der Geschichte haben sich die Menschen gegen die Staatsgewalten aufgelehnt, wenn ihnen die Möglichkeit im System zu überleben und die persönlichen Freiheiten genommen wurden.
Man könnte denken, dass die Menschheit aus diesen vielen Aufständen gelernt hätte, sich von geldgierigen Machtsystemen inzwischen befreit hätte und Entscheidungen für das Wohlergehen der Menschheit und den Erhalt unseres Lebensraums, der Erde trifft.  Aber ein großer Teil der Menschheit gehört immer zu den frommen Lämmern, die sich willenlos führen lassen, solange man ihnen genug Nahrung und Raum für ihre kleinen Freuden gibt, während ein anderer geringer Teil kritisch beobachtet und hinterfragt und der verbleibende Teil zur Gattung gefährliches Raubtier gehört.

Und 2011? Aufstand in Tunesien, Aufstand in Ägypten, Aufstand in Lybien, Aufstand in Bahrain, Aufstand im Jemen … Generalstreik in Griechenland …

Es tut sich etwas in dieser Welt, wenn die Menschen in Europa und vor allem in unserem Land  auch immer noch das Ausmass dieser Welle und die Chance zur Veränderung der Welt, die Chance die Menschenrechte über die wirtschaftlichen Interessen und politischen Ränkespiele zu erheben, nicht fassen.

Faz.net stellte im Januar die Frage, ob der Aufstand in Tunesien „Die erste Wikileaks -Revolution“ sei. Vielleicht ist es so. Vielleicht ist Wikileaks aber auch nur der Rambock, der die Blokade in den Köpfen der Menschen durchbricht, die über Jahrzehnte mit Hilfe der Medien und politischer Propaganda aufgebaut wurde.
Social-Networks wie Twitter oder Facebook sorgen für immer schnelleren Austausch von „Nachrichten“ und Meinungen. Die Piraten sind die erste Partei, die dem neuen Zeitgeist entspringt und diesen Wandel, wenn auch noch im Kleinen, politisch begleitet. Und Wikileaks befreit die Menschen von den Illusionen, die sie sich machen konnten, bevor die Fakten, die sie lange ahnten und in der hintersten Schublade ihres Denkens abgelegt hatten, auf den Tisch gelegt wurden.

Da ist es plötzlich. Sozusagen „Schwarz auf Weiß“. Sozusagen aus erster Hand. Nicht nur ein „journalistisches Gerücht“. Ganz einfach das, was der Diplomat seiner Regierung als Information weitergibt. Oder ganz einfach ein Video, das auf abscheuliche Weise zeigt, wie eine Generation „Krieg spielt und Zivilisten tötet“. Das lässt sich nicht mehr in die hinterste Schublade legen, ohne in Konflikt mit dem eigenen Gewissen zu kommen (sofern man noch eins hat).

Es – Wikileaks – die Wahrheit – lässt uns nicht mehr in Ruhe.

Zu verdanken haben wir das einem Mann, der derzeit in der Gefahr schwebt an Schweden, wegen „Vergewaltigungsvorwürfen“ ausgeliefert zu werden und damit vielleicht anschließend an die USA ausgeliefert zu werden. Die suchen noch nach dem passenden Anklagegrund, aber zur Not erlässt man ein neues Gesetzt, das den Punkt liefert.

Ob die Damen in Schweden nun eventuell von Anfang an darauf angesetzt waren Julian Assange „in einen Hinterhalt zu locken“ und ihn rechtlich angreifbar zu machen oder ob er dumm genug war nicht mit der Rache zweier Frauen zu rechnen, von denen jede „die Eine“ seien wollte, oder ob er altmodisch genug war zu denken, dass ein wenig nett annähern reicht, damit „sie genau das möchte, was er auch gerade möchte“, ist hier schwer festzustellen und zu entscheiden. Merkwürdig ist das Ganze allemal.

Wir alle sollten jedenfalls sehr genau darauf sehen, was hier geschieht und wie die Staaten mit diesem Mann – eventuell unter einem Vorwand – umgehen. Denn eins ist sicher: Auch wenn er als exzentrisch geschildert wird – er hatte den Mut, der vielen von uns fehlte. Er hatte die Idee, dass eine Wahrheit die auf dem Tisch liegt, nicht einfach wieder verschwindet. Und er hatte die Weitsicht, dass sich diese Welt mit Wikileaks verändern könnte, weil die Menschen „wach werden“ und sich nicht mehr als Marionetten behandeln lassen.

Wenn wir nicht weltweit immer wieder ein Problem mit der passenden Religion hätten, würde ich an dieser Stelle einfach sagen „Gott schütze Dich Julian Assange“. Aber überall in dieser Welt hat Gott einen anderen Namen und noch haben wir nicht gelernt, dass wir im Grunde alle an das gleiche Glauben: An die eine Kraft, die den Menschen über die niederen Beweggründe erhebt, die ihn mit dieser Erde, der Natur – seinem Lebensraum – mit den Kräften des Universums und mit allen Lebewesen einssein lässt.

Niemand von uns ist unfehlbar. Ein großer Teil der Menschen arbeitet glücklicherweise immer wieder daran sich stetig zu verbessern und trägt Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen und für seine Umwelt. Ein anderer Teil ist leider immer noch weit davon entfernt. Aber wir brauchen mutige Menschen wie etwa Julian Assange. Und wir sollten sie so gut wir alle das können unterstützen und versuchen sie zu beschützen.

Während in den arabischen Ländern Menschen für den Kampf um ein freies und menschenwürdiges Leben in ihren Ländern kämpfen und dafür zum Teil ihr Leben lassen müssen, beherrschen bei uns Guttenbergs Doktorarbeit und die Frage ob der Aufstand in den arabischen Ländern Europa gefährdet die Schlagzeilen.

Keine Pluspunkte für eine schlampige Doktorarbeit. Und „Guti“ ist eben auch nicht nur gut.  Er hat sich auch schon Äußerungen geleistet, die nachdenklich stimmen. Siehe ARD „Wirtschaftliche Interessen verteidigen“. Ganz klar. Aber wenn andere – ach so ehrenwerte??? – Politiker nach Rücktritt schreien, dann zeigt das nur, dass man einen „Publikumsliebling“ abservieren will. Die Entrüstung wirkt geheuchelt, denn es gab in der Vergangenheit Fehltritte der Herren und Damen Politiker, die mindestens genauso viele Rücktrittsgründe geliefert hätten, aber nicht zu selbigem führten.

Statt den Aufstand in den arabischen Ländern sogleich als Gefahr für illusionär gesicherte Pfründe der Europäer zu sehen, sollten wir uns lieber Gedanken machen, wie wir den Menschen dort helfen können Freiheit und menschenwürdiges Überleben in ihren Ländern zu sichern.

Möglicherweise müssen wir einigen von ihnen vorübergehen auch eine Heimat geben. Aber sie werden nicht bleiben, wenn wir den Menschen helfen in ihren Ländern das zu verwirklichen, was ihr Leben dort „überlebenswert“ macht. Nach wie vor lebt die Mehrzahl der Menschen lieber „in ihrer Heimat“. Dort wo ihre Wurzeln liegen. Genauso wie Fischarten zum Leichen an ihre Laichplätze, eben „in ihre Heimat“ zurückkehren.

Noch etwas können wir von unseren arabischen Nachbarn derzeit lernen: Sie brauchen überhaupt nicht unseren Erfahrungsschatz, um einen Wandel zu vollziehen und unsere Vorurteile über die Menschen in dieser Welt werden Stück für Stück entlarvt, denn arabische Frauen emanzipieren sich anders als wir. Siehe: Ägypten: Berufliche und private Emanzipation einmal anders

Oder:  Eine Frau führt den Aufstand im Jemen

Eine Welle geht durch die arabische Welt. Eine Welle die vom Volk, vom ganz gemeinen Menschen ausgeht, der sich in erster Linie eins wünscht: Freiheit und ein menschenwürdiges Leben, dass es ermöglicht eine Familie zu gründen, eine angemessene Wohnung zu haben und bis zum Ende des Monats satt zu werden.

Aber die Ausläufer dieser Welle sind längst auch in Europa unterwegs. Nicht weil die Araber eine Gefahr für uns sind, dass steht jetzt hier noch gar nicht auf der Tagesordnung. Nein es ist einfach die Welle, die die Menschen erfasst, die es Leid sind, dass die Religion dieser Welt heute in erster Linie „Macht,  Korruption, Finanzsysteme und wirtschaftliche Interessen“ heißt und den ganz normalen Bürger nur noch als Mittel zum Zweck einstuft.

Die Menschheit steht auf. Zuerst dort, wo der Druck über lange Zeit bereits ganz offen gegen die Freiheit des Einzelnen gerichtet ist und ihm dank der neuen Religion nicht nur die Freiheiten nimmt, sondern auch noch die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben. Aber dann erreicht sie auch Länder, die vermeintlich demokratisch und frei erscheinen, aber der „neuen Religion“ unterworfen sind, sodass den Menschen mehr und mehr die Lebensgrundlagen entzogen werden.

Griechenland ist ein erstes massives Beispiel. Es werden weitere folgen. Wir Deutschen sind träge und solange es dem Einzelnen noch halbwegs gut geht, interessiert ihn leider wenig, ob der Nachbar hungert oder friert. Aber das kann und wird kaum so bleiben. Je eher wir von den Menschen in anderen Ländern lernen, desto eher wird ein weltweiter Wandel der Systeme möglich.

Denn eins ist klar: Es wird niemehr wie es vorher war.

Und wie drückte es eine amerikanisch-lybische Bürgerin in Texas bei einer Demonstration aus: „Niemand ist frei, wenn andere unterdrückt sind.“