Wenn Wirtschafsweise über Ungerechtigkeit sprechen, dann ist das …

… wohl in erster Linie auf die Interessen der Wirtschaft zu beziehen.

Wie bitte sonst, würden Sie es interpretieren, wenn Wirtschaftsweise die kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse als grob ungerecht bezeichnen?

Ungerecht ist das natürlich gegenüber den Privaten Krankenversicherungen, die in diesem Punkt mit den gesetzlichen einfach nicht konkurieren können.

Spätestens nach diesem jüngsten Vorstoß gegen das soziale Gleichgewicht in unserer Gesellschaft, sollten wir uns mit diesen „Wirtschaftsweisen“ einmal näher befassen. Wir sollten sie und auch die Bezeichnung „Wirtschaftsweise“ einmal durchleuchten. Sind sie nicht per se die Staats- ich sage eigentlich lieber Volksfeinde Nummer 1?Nun eigentlich ganz offiziell heißen unsere fünf Wirtschaftsweisen „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage“. Im „Volksmund“ nennt man sie die Wirtschaftsweisen. Aber was die Mainstream-Medien uns in den letzten Jahren „in den Mund legten“, ist so oder so sehr aufschlussreich.

Was soll uns das Wort „Wirtschaftsweise“ suggerieren?

Weise? Das sind in den unterschiedlichsten Kulturen die erfahrenen älteren Menschen, die Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen den jüngeren zur Verfügung stellen. Wie zum Beispiel der Ältestenrat bei den Indianern.

Emotional betrachtet soll die Bezeichnung also Vertrauen wecken.

Aber ob dieses Vertrauen in die Wirtschaftsweisen auch nur annähern für uns – das Volk – gerechtfertigt ist, stelle ich inzwischen sehr in Frage.

Der Sachverständigenrat besteht aus fünf Mitgliedern, die für jeweils fünf Jahre berufen werden. Eine „Wiederwahl“ ist möglich. Auch Bert Rürup, dem wir eine gleichnamige private Altersvorsorge zu verdanken haben, gehörte von 2000 bis 2009 dazu. Von 2005 bis 2009 hatte er sogar den Vorsitz im Expertenrat.

In Wikipedia ist über jenen Herr Rürup, der neben Herrn Riester der Privatisierung der Renten Vorschub leistete, u.a. folgendes zu lesen:
„Rürup trat häufig als Referent und auf Podiumsdiskussionen von Versicherungs- und Finanzdienstleistern auf, z. B. für die Credit Suisse. Rürup war bis Frühjahr 2009 Vorstandsvorsitzender des Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und demographischer Wandel, dessen Anschubfinanzierung vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft bereitgestellt wurde. Diese Kooperationen standen nach Ansicht des Publizisten Albrecht Müller im Konflikt mit Rürups Aufgaben als unabhängiger Berater der Regierungsinstanzen und der Öffentlichkeit. Transparency International kritisierte die geschäftlichen Verbindungen Rürups mit Walter Riester und dem AWD als „Beispiel für politische Korruption“.“

Vertrauenserweckend sieht sicher anders aus.

Aber welche Weisheiten transportieren unsere fünf Wirtschaftsweisen in die Öffentlichkeit?

22.08.2010 – Focus online – Rente mit 67: Wirtschaftsweiser genervt vom Zögern der SPD

18.05.2011 – Welt online -Wirtschaftsweise fordern Rente erst mit 69

Im November letzten Jahres berichtete die Süddeutsche darüber, dass die Erwerbslosenquote bei den 60 – 64jährigen drastisch ansteigt. Warum also nun diese etwas seltsam erscheinende bereits zweite Forderung das Rentenalter anzuheben?

Falls jemand unter Ihnen die in den Volksmund gelegte Bezeichnung „Wirtschaftsweise“ noch nicht verstanden hat: Weise sind die Herrn (oder Damen) nur in Bezug auf mögliche Nachteile für die Wirtschaft (nicht auf Nachteile fürs Volk).

Hier geht es letztendlich um demografische Entwicklungen. Aber nicht etwa um die fehlenden Fach- und Führungskräfte, sondern um die steigende Anzahl der Rentner.

Das trifft seit der Teilprivatisierung von Renten durch Riester und Rürup natürlich langsam auch die Versicherungswirtschaft. Und je später diese eine Riester- oder Rürup-Rente auszahlen muss, desto mehr Gewinn macht sie. Der eine oder andere Stress geplagte eventuell übergewichtige Arbeitnehmer oder der depressive ALG II Empfänger erlebt seine Rente mit 67 oder 69  eh nicht mehr. Ein wahrlich gutes Geschäft. Auch für die Regierung, die sich dank der Misswirtschaft im Staatshaushalt vor einem Rentenproblem sieht.

Angesichts der Forderung das Renteneintrittsalter immer höher anzusetzen und der Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit über 60 drastisch ansteigt, muss man sich diese Meldung in der RP-online mal unter der Fragestellung „Was ist weise – oder wer ist Experte oder Sachverständiger“ anschauen:

11.06.2011 – RP online – Chef der Wirtschaftsweisen schlägt Alarm: Altersarmut nimmt dramatisch zu

Nun: Ich oder auch Sie, liebe mitgeplagte Bürger dieses Landes sind keine anerkannten Weisen, Experten oder Sachverständige in Wirtschaftsfragen. Aber eins haben wir vielleicht noch behalten: Den gesunden Menschenverstand. Der scheint den Herren und Damen Wirtschaftsweisen hier und da abhanden gekommen zu sein.

Wenn die Arbeitslosigkeit bei über 60jährigen dramatisch ansteigt und diese Menschen ein Jahr nach Eintritt in die Arbeitslosigkeit Hartz IV ausgeliefert sind und vor Bezug von Regelleistungen erst einmal von allem leben müssen, was „oberhalb“ des lächerlichen Schonvermögens liegt, dann ist Altersarmut vorprogrammiert und wird durch ein höheres Renteneintrittsalter verschärft. Vor allem da unsere fürsorgende Frau vdL dafür sorgte, dass für ALG II / Hartz IV Empfänger keine Rentenbeiträge mehr gezahlt werden.

Frau Engelen-Käfer, lange Jahre stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat die Statistiken zur Erwerbstätigkeit älterer Arbeitsnehmer einmal nett durchleuchtet:

25.09.2010 -Rente mit 67: Verwirrspiel mit Statistik

Also: Weise ist für mich was anderes. Verlogen würde aus meiner Sicht eher passen. Aber die Mainstream-Medien werden uns kaum den Gefallen tun und uns – dem Volksmund – das Wort Verlogenenrat in den Mund legen.

Die Wirtschaftsweisen sind – wenn Sie die kleine Zusammenfassung betrachten und einmal weitere Meldungen zu den Wirtschaftsweisen recherchieren also vor allem in einem weise: Die Weichen zu Gunsten der Wirtschaft und aus heutiger Sicht gegen das Volk zu stellen.

Mit der Einführung von Hartz IV wurde massiv ein Niedriglohnsektor in Deutschland errichtet. Hartz IV beschneidet massiv die im Grundgesetz geregelten Rechte der Menschen. Zum Beispiel das Recht auf freie Berufswahl. Oder das Recht auf die Menschenwürde.

Wenn wir darauf schauen, dass zu Gunsten der Wirtschaft, die ja eigentlich uns Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt, 50 Milliarden gezahlt werden, damit Menschen ihren Verdienst auf etwas über das Existenzminimum aufstocken können, dann wissen wir wie widerlich unsere Politik und die Wirtschaft in Bezug auf die Gesellschaft inzwischen funktionieren.

Nun stellen sich die „Wirtschaftsweisen“ hin und hetzen in unser Land „Kostenlose Mitversicherung ist „grob ungerecht“ und starten damit den nächsten Angriff auf eine funktionierende und soziale Gesellschaft. Ein Angriff auf Familien. Adressiert an Singles.

Ein gefährlicher Angriff, wenn man an unser Rentensystem denkt, an sinkende Geburtenraten, an die steigende Armut, an die vielen Aufstocker, an die Kinderarmut und ganz einfach an die Grenzen „der finanziellen Leistungsfähigkeit der Menschen in diesem Land“.

Dieser kleine Angriff auf die „Familienversicherung“ ist ein Angriff auf das noch halbwegs funktionierende soziale Gefüge unserer Gesellschaft. Wenn die Familienversicherung fällt, fallen die letzten Schranken zur Verarmung und zu sozialen Revolten.

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